IMG_3057

Reisebericht GR221 – Etappe 5 – Valldemossa nach Deia

Noch im Stockdunkeln wurden wir von den ersten Kopflampen und Stimmen geweckt, die dicht an uns vorbei den Aufstieg Richtung Deia in Angriff nahmen. Da wir das Zelt aber gut versteckt neben dem Weg aufgebaut hatten, dürfte uns niemand bemerkt haben, oder es hat sich zumindest niemand daran gestört.

Nach einem kurzen Frühstück haben wir zusammengepackt und ebenfalls den Aufstieg in Angriff genommen. Während dem Aufstieg wurde das Wetter dann leider etwas schlechter und es begann zeitweise zu nieseln, was angesichts der Tatsache, dass der Aufstieg nahezu komplett im Wald verläuft, aber nicht weiter gestört hat.

Was dann folgte, war einfach atemberaubend. Sobald man auf der Hochebene ankommt, führt der Weg an einer über 200m tiefen Abbruchkante entlang, die wirklich senkrecht hinunter zu gehen scheint.

IMG_3061
Die Abbruchkante ist durchaus eindrucksvoll

IMG_3060

Aus einiger Entfernung betrachtet konnte ich mir kaum vorstellen, dass ich es bedingt durch die leichte Höhenangst schaffen würde, dort entlang zu gehen. Aus der Nähe betrachtet stellte ich jedoch fest, dass die „Kletterpanne“ an unserem ersten Tag dazu geführt hatte, dass ich absolut keine Höhenangst mehr verspürte und mich auch problemlos direkt an den Rand der Abbruchkante stellen konnte.

IMG_3066
Die Höhenangst ist zusammen mit dem Weg verschwunden ;)

Was so eine ungewollte Konfrontationstherapie doch bewirken kann! Jedenfalls hatte ich seit diesem Tag nie wieder Höhenprobleme – aber weiter im Text. 😉

Als wir die Hochebene erreicht hatten zog plötzlich ein sehr dichtes Nebelfeld von Valldemossa herauf und es begann ziemlich stark zu regnen, so dass wir erst einmal Schutz unter den wenigen vorhandene Bäumen suchten.

IMG_3057

IMG_3054

IMG_3055

Zwei Sätze aus dem Reiseführer gingen mir hier durch den Kopf:

Aber Vorsicht: Ein kleiner Fehltritt oder eine plötzliche Windböe genügen zum Absturz!

„Achtung! Wer hier den Weg verliert, sollte bis zur letzten Markierung zurückgehen und von dort erneut den nächsten Punkt anpeilen.“

(Quelle: serratramuntana.de)

Die Fragen die sich nun stellten: „Wie geht der Weg weiter? Kann man den Weg auch mit nahezu 0 Sicht, Regen und Wind gehen?“, führten dazu, dass wir erst einmal eine Weile abwarteten, ob sich der Regen und Nebel nicht vielleicht doch noch verzieht.

Als nach ca. 30 Minuten, in denen wir durchnässt und frierend auf eine Wetterbesserung warteten, nichts dergleichen in Sicht war, wollten wir gerade wieder mit dem Abstieg Richtung Valldemossa beginnen, als wir aus dem dichten Nebel Stimmen und Laufgeräusche hörten.

Wie blöd ich mir mit meinen Sorgen über den weiteren Weg doch vorkam, als aus dem Nebel plötzlich zwei Trailrunner direkt an den Klippen entlang gerannt kamen. Sie grüßten uns kurz beim Vorbeirennen und schon waren sie wieder auf dem Abstieg Richtung Valldemossa verschwunden. Und was Trailrunner im Wettkampftempo schaffen, dürften wir bei normalem Gehen ja auch hinbekommen. Also hieß es Rucksäcke schultern und los gehts 😉

Wie oben schon erwähnt, der Weg ist einfach traumhaft, selbst bei diesen widrigen Wetterbedingungen. Wie schön er bei gutem Wetter ist, mag ich mir gar nicht vorstellen, denn das würde nur die Sehnsucht wieder wecken 😉

Weiter ging es dann weglos über Geröll auf die Abstiegseite der Hocheben. Hier sollte man dem Hinweis aus dem Reiseführer, bei Verlust der Steinmännchen wieder zurück zum letzten zu gehen unbedingt Folge leisten. Gerade bei schlechter Sicht ist die Wegfindung gar nicht so einfach.

Der folgende Abstieg ist lang, länger und steil. Zunächst entlang einer Steilwand, dann durch einen Steineichenwald, bis man über zahlreiche Plantagenterrassen nach Deja gelangt.

Während wir vorsichtigen Schrittes und ständig durch die Trekkingstöcke abgestützt die Serpentinen auf dem matschigen Waldboden hinunter schlichen, kamen immer wieder Gruppen von Trailrunnern entweder den Berg hoch oder herunter gerannt. Ich finde es einfach unglaublich, was diese „Spezies“ zu leisten im Stande ist. Wer die Strecke kennt weiß, es ist wirklich sau steil. Da dann noch zu rennen … Hut ab!

Während ich mich also wunderte, wie die Herren (es waren leider keine Damen dabei) das bewerkstelligen ohne auszurutschen, geschah genau das: Ein Trailrunner kam mit irrem Tempo den Berg hinunter gerast. Wir hatten uns schon etwas abseits des Weges „in Sicherheit“ gebracht, um Ihm nicht im Weg zu stehen, als er in vollem Tempo auf dem Gemisch aus nassem Waldboden und Geröll ins Rutschen kam. Ich sah ihn schon die Klippe runter stürzen, wurde aber eines besseren belehrt. Er rutschte ca. 5 Meter auf uns zu, warf dann seinen linken Arm um einen Baum, den er als Anker benutzte, bliebt aber nicht stehen, sondern lies sich einfach um den Baum herum „gleiten“ um in gleichem Tempo weiter zu rennen.

Ich an seiner Stelle, hätte jetzt mit 200 Puls ca. 1 Stunde gebraucht, um mich einigermaßen zu beruhigen 😉

Leider führte der steile Abstieg auch dazu, dass sich mein Knie – bzw. meine alte Motorradverletzung, wieder bemerkbar machte und ich nur noch unter Schmerzen weiter bis zum Refugi Can Boi gehen konnte.

Ankunft in Deia
Ankunft in Deia
Wolkenverhangene Berge - dort kamen wir her
Wolkenverhangene Berge – dort kamen wir her

Wer dort ein auf alte Jugendherberge getrimmtes Refugi erwartet wie ich, wird sicherlich überrascht sein, denn es gleicht eher einem modernen Hotel, denn einer alten Herberge.

Komplett durchfroren, geschwitzt und durchnässt haben wir uns erst mal etwas aufgewärmt und einige Kaffee getrunken.

Mein Plan war, an diesem Tag eigentlich noch entlang der Steilküste am Meer Richtung Port de Soller weiter zu gehen und irgendwo auf dem Weg zu schlafen. Auf Grund der körperlichen Verfassung und dem schlechten Wetter, hatten wir uns dann aber dazu entschieden, mit dem Bus nach Port de Soller zu fahren und uns eine Nacht im Hotel zu gönnen.

Gesagt getan, haben wir uns dann auf dem Weg zur Bushaltestelle gemacht, wo der Bus nach Port de Soller auch kurze Zeit später eintraf.

Im Hafen von Port de Soller
Im Hafen von Port de Soller

An der Strandpromenade angekommen, haben wir uns ein Zimmer im Hotel Miramar gebucht, was ich niemandem wirklich empfehlen kann. Auf der Internetseite mag das Hotel ja noch ganz schick aussehen. Das Restaurant und Café ist auch durchaus ansehnlich – das Zimmer war allerdings eine absolute Katastrophe. Total abgenutzte Möbel mit zig Macken, eine fürchterlich durchgelegene Matratze und alles voller Haare von den Vorbewohnern. Egal ob auf Matratze, im Spülbecken oder beim Duschen – von einer gründlichen Reinigung war das Zimmer meilenweit entfernt. Ich muss dazu sagen, dass ich normalerweise jemand bin, der bereit ist viel Geld für Hotelzimmer zu investieren und auch einen gewissen Standard gewohnt ist. Das man bei einem Doppelzimmer für knapp 50,00 € keinen Luxus erwarten kann, ist mir bewusst. Sauberkeit ist allerdings etwas, dass in jeder Preisklasse zur Pflicht gehört, sonst bin ich im Hotelgewerbe einfach falsch.

Dennoch war ich heilfroh über eine erste Dusche seit 4 Tagen. Abends sind wir dann noch etwas an der Promenade spazieren gegangen und haben ein Steak gegessen. Welche Wohltat, wenn man seit Tagen mit Zelt unterwegs ist 😉

4 Gedanken zu „Reisebericht GR221 – Etappe 5 – Valldemossa nach Deia“

  1. Michael,find ich toll und vor allem auch sehr mutig von dir. Da hast du sicher
    viele eindrucksvolle Eindrücke mit nach Hause genommen und es schreit
    nach Wiederholung.Find ich ganz klasse.Viele liebe Grüße von mir.
    Karoline

    1. Danke Dir! Eine Wiederholung wird es auf jeden Fall geben, allein schon weil wir einen Teil nicht laufen konnten – aber das kommt später, und extrem schlechtes Wetter hatten.

      Es stehen aber auch noch eine ganze Reihe andere Fernwanderwege auf dem Plan – lediglich die Zeit dafür fehlt 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *